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Die Geschichte der FJA

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von Manfred Steiner

Hochansteckend!

Vorsicht, ich kann Dich nur warnen vor dem hochansteckenden Slingsby-Virus. Schon das Lesen dieser Zeilen kann das in jedem Oldtimerfan schlummernde Verlangen wecken, einmal in einem offenen Segelflugzeug die Gewalten der Natur erleben zu wollen...

Seit 1958 erfreut die verleimte und mit Stoff bespannte Holzkonstruktion unserer FJA seine Begleiter. Mehr als 30.000 mal, mit einigen hundert Piloten, Flugschülern und ihren Lehrern, Gästen und Veteranen haben die abgestrebten Tagflächen unserer Slingsby T21 Sedburgh den Himmel erobert. Die Konstruktion geht auf die Pläne des deutschen Grunau Babys zurück, welches die Geometrie der Tragflächen geliefert hat. Maßstabsgetreu vergrößert und mit einem gänzlich neu konstruierten Rumpf entstand gegen Ende der 40er Jahre dieses seltene Segelflugzeug. Bei den AIR CADETS trug sie das Kennzeichen WN 148 durch die königliche Luft. In den 80er Jahren aus dem Militärdienst entlassen, fristeten die meisten der 92 gebauten Exemplare der einst so stolzen Flotte in verstaubten Hangars einer ungewissen Zukunft entgegen. Erst 1997 bekommt unsere Slingsby ein neues Stoffkleid, wird neu lackiert und von dem East Sussex Gliding Club liebevoll restauriert. Kroni, Thilo und ich holen das gute Teil im Mai 2000 in die Pfalz und haben von Beginn an helle Freude an unserer FJA.

Wir stehen am Start, das Seil ist straff! Mit einem kräftigen Zug am Schleppseil wird unser betagter Vogel in sein Element befördert. Sekunden später steigen wir, wie ein Kinderdrachen am Seil in die warme Sommerluft.
Scheinbar senkrecht, mit 15 bis 20 m/s steigen wir in den blauen Himmel über uns. Der Zug der Winde lässt nach. Das Seil wird ausgeklinkt. Mit einem kleinen Ruck entlässt uns das 5mm Stahlseil in die noch ruhige Luft.
Die Schlepphöhe ist aufgrund der relativ weit vorne eingebauten Kupplung nicht ganz so hoch, wie man das von modernen Segelflugzeugen gewohnt ist. Dafür wird der Pilot durch absolut gutmütiges Verhalten verwöhnt. Das Flugzeug bäumt sich nicht auf und zeigt keinerlei Tendenz während des Windenschlepps auszubrechen. Im zweiten Drittel des Schlepps muss ich kräftig am Knüppel ziehen, damit wir die optimale Schlepphöhe erreichen.

Wir suchen einen Aufwind, der unseren stetigen Sinkflug verlängern soll, aber noch regt sich kein Lüftchen. Von unseren 330 m Schlepphöhe sind noch gut 250 m übrig, wir fliegen in der Platzrunde in Richtung Position. Eine gut positionierte Abreißkante markiert normalerweise die Position für unseren Hausbart. Unsere FJA räkelt sich leicht in der Mittagshitze, soll das ein Zeichen für den bevorstehenden kräftigen Aufwind sein? Unsere Hausbart lässt uns nicht im Stich. Kräftig greift die aufsteigende Warmluft unter die 24,5 qm großen Flügel. Der grüne Ball des Kosim-Variometers schnellt nach oben, die linke Tragfläche hebt sich an. Ich leite eine Linkskurve ein. Mit einigermaßen konstanten 4 kt/min steigen wir der kleinen Blumenkohlwolke über uns entgegen.

Unsere T21 will geflogen werden. Anders als manch ein modernes Segelflugzeug muss der Pilot einer Slingsby ständig das Steigen optimieren. Man muss sich den Aufwind und die Höhe erarbeiten. Die großen Ruderflächen wollen mit deutlichen Ausschlägen bewegt werden. Auch das Seitenruder fordert ständige Aufmerksamkeit. Mit 30 bis 32 kt steigt unser Vogel am besten und wir können problemlos mit unseren Freunden in anderen Segelflugzeugen mithalten. Einige davon haben sogar alle Hände voll zu tun uns auf dem Weg zur Wolkenbasis zu folgen.

Das Steigen wird besser, der Aufwind konstanter. Mit 6 bis 8 kt/min geht es aufwärts. Trotz der sommerlichen Temperatur von 28°C am Boden haben wir uns gut eingepackt. Das ist auch gut so, denn hier in 1800 m über unserem Flugplatz sind wir froh einen warmen Pulli und einen Windbreaker an zu haben. Jeder hinter einem kleinen Windabweiser aus Plexiglas vor dem Fahrwind geschützt, drehen wir unsere Runden über der schönen Heimat. Die beiden nebeneinander angeordneten Sitze lassen eine entspannte Kommunikation zwischen meinem Begleiter und mir zu. Es ist wie Fahrradfahren in der Luft. Fliegen in seiner ursprünglichsten Form eben.
Nur der Drachen- oder Gleitschirmflieger kann dieses Erlebnis bieten, allerdings bei erheblich schlechteren Flugleistungen. In niedrigen Höhen kann man die Geräuschkulisse am Boden hören. Die Autos auf den Straßen, der Tracktor auf dem Feld, ja sogar die spielenden Kinder im nahen Schwimmbad sind auszumachen.

Die aufsteigende Warmluft trägt uns in immer größere Höhen. Langsam drehen sich die Zeiger am Höhenmesser. Der Donnersberg schrumpft zu einem kleinen Hügel, in der Ferne taucht der Potzberg bei Kusel am Horizont auf. Richtung Süden ist die elliptische Form der Pfalzmetropole Kaiserslautern, eingebettet in den wunderschönen Pfälzerwald, zu erkennen. Der Pfälzerwald ist eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete Europas und breitet sich im Osten in Richtung Vorderpfalz bis zum Haardtgebirge hin aus.
Nicht nur für den Segelflieger bietet die Pfalz hervorragende Freizeitmöglichkeiten, auch der Naturfreund und Wanderer, der Wein und Bierliebhaber und alle Freunde des leichten Lebens finden auf zahllosen Festen und Veranstaltungen rund ums Jahr Entspannung vom Alltag. Wir blicken Richtung Nordosten. Am Horizont erkennen wir die Rheinebene und im Dunst des Sommerhochdruckgebietes können wir sogar das Becken um Mainz und Wiesbaden erkennen. Immer höher steigen wir der Wolkenbasis entgegen.

Es ist ratsam, rechtzeitig den Aufwind zu verlassen, denn hier oben ist die Luft manchmal recht blechhaltig. Durch die Nähe der Natobasis Ramstein ist verstärkt mit an- und abfliegendem Jetverkehr zu rechnen. Gut 300m unterhalb unserer Kumuluswolke verlassen wir den Aufwind in 2000m über dem Segelflugplatz. In ruhiger Luft könnten wir jetzt mit unserem Gleitwinkel von 1:21 ca. 42 km weit fliegen. Die Geschwindigkeit des besten Gleitens liegt bei 32 kt. Fliegt man schneller, geht es rapide abwärts. Ich fliege selten schneller als 45 kt zwischen den Aufwinden. Erstens ist der Fahrtwind dann noch einigermaßen angenehm und zweitens ist das Sinken bei höheren Geschwindigkeiten doch recht ordentlich. Verglichen zu meiner alten T31 sitzt man in der T21 wie im Wohnzimmer. Flüge über 2 Std. sind dennoch eher die Ausnahme. Der längste Flug, den ich mit unserem Goldstück bisher gemacht habe, war 3 Stunden lang. Blickt man in das Original RAF-Bordbuch ist das allerdings absolut die Ausnahme und zugleich Rekord. Mit mehr als 30.000 Starts hat es unser Flieger gerade mal auf etwas mehr als 3000 Std. Gesamtflugzeit gebracht. Flüge von 6 bis 7 Minuten waren beim Militär wohl an der Tagesordnung.

Wie viele Senioren ist unsere FJA auch der Reiselust verfallen. Auf Flugtage und Oldtimertreffen will unsere Lady. Sehen und gesehen werden. Ob auf der Hahnweide, oder in Strakonice, in Greiling zum internationalen Oldtimertreffen des OSVM, oder in Achmer auf der Vintage Glideing Club Ralley und natürlich auf den Flugtagen unserer Nachbarvereine, überall ist unser Flieger gern gesehener Gast.

Es wird Zeit, sich auf die Landung vorzubereiten, denn trotz guter Kleidung und der überzeugenden Ergonomie des 40er Jahrecockpits wollen unsere Knochen wieder bewegt werden. Wir steigen langsam ab. Im Gleitflug bei 40 kt segeln wir über dem schönen Nordpfälzer Bergland. Es wird wärmer und man kann die Natur förmlich riechen. Ob die aufsteigende Luft über einen Getreideacker oder eine gemähte Wiese gewandert ist, der Slingsbyflieger kann die Herkunft des Mediums das Ihn umgibt am Geruch erkennen. Auch das ist nur im offenen Cockpit möglich, denn der Eigengeruch eines geschlossenen Flugzeuges lässt dieses Erlebnis nicht zu.

Die Landeeinteilung muss wie bei jedem Segelflug passen. Durchstarten geht nicht und bei kurzen Plätzen darf man nicht zu weit kommen. Die Luftbremsen der Slingsby wirken nicht besonders gut und daher sollte der Pilot den Seitengleitflug beherrschen. Dreht man den Rumpf etwas quer zur anströmender Luft erhöht sich der Luftwidersand dramatisch. Die Erde kommt schnell näher. Ohne Schutzbrille fordert ein solcher Landanflug Tränen der Freude von der Besatzung. Einige Meter über der Flugplatzwiese drehe ich den Flieger wieder gerade. Beim Abfangen über dem Boden streicheln die Ähren des hohen Grases vor dem Landefeld den Rumpf unserer Slingsby. Zuerst berührt der Schleifsporn, dann das Rad die Pfälzer Erde. Beim Ausrollen kommen die Luftteilchen über den Tragflächen zur Ruhe. Die Anziehungskraft der Erde beginnt die Herrschaft über die Bauteile zu erlangen. Müde fällt der rechte Flügel ins Gras.

Ich habe es noch nie anders erlebt. Auch heute blicke ich wieder in ein strahlendes, vor Freude verzerrtes Gesicht. Mein Begleiter ist sichtlich ergriffen von dem unglaublich schönen Erlebnis im offenen Cockpit.
Ich kann mir gut vorstellen was er in den nächsten Tagen durchleben wird. Mir ist es vor vielen Jahren genauso ergangen nach meinem ersten Flug in einer T21. Immer und immer wieder kommen einem die erlebten Szenen des Fluges in den Sinn. Auf der Heimfahrt, beim abendlichen Bier, vor dem Einschlafen und in den unmöglichsten Situationen zerren die Lachmuskeln an Mund und Augen bei der Erinnerung an dieses außergewöhnliche Flugerlebnis.

Wir werden versuchen, unserer englischen Lady das Altenteil so angenehm wie möglich zu gestalten. Schöne Thermikflüge und sanfte Landungen sollen den Ruhestand versüßen. Auch werden wir die für einfachen Kunstflug zugelassene Struktur nicht über Gebühr belasten, damit die alte Dame und wir noch viele schöne Erlebnisse haben.